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Selbstbewusster Arbeitsschutz – manchmal auch „Schutz des Arbeitenden vor sich selbst“

Am 14./15.September fand das 10. Arbeitsschutzforum der Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie in Dortmund statt. Angesichts des Vortrags von Ministerin Nahles und der Debatte in der Podiumsdiskussion, ob man den Begriff „Arbeitsschutz“ nicht als altmodisch abschaffen sollte, habe ich ein wenig meine Gedanken spazieren gehen lassen.

Mein Vater (Jahrgang 23) war ein echter Mann. Gelernt hatte er Schlosser und arbeitete in einem chemischen Betrieb. Ein echter Mann arbeitete ohne Handschuhe. Ein echter Mann hatte auch keine Hemmungen bis zu den Ellenbogen im Maschinenöl zu arbeiten und sich dann mit Waschbenzin die Arme zu duschen. Einem echten Mann machte der Lärm auch nichts; denn ein echter Mann konnte laut genug schreien. Nur die Jugend war nicht so wie früher; denn die sprach zu leise. Und die Fernsehlautsprecher waren auch nicht mehr gut, dauernd musste er lauter stellen. Und dass seine Kollegen ebenso wie er vor Erreichen des Rentenalters an Krebs starben – na ja.

Warum erzähle ich das. Weil mein Vater den Arbeitsschutz nicht ernst nahm. Er sah die langfristigen Folgen erst, als es zu spät war, als sein Gehör irreparabel geschädigt war und der Krebs seinen Körper zerfrass. Ist es heute nicht so ähnlich? Andrea Nahles hat auf der Tagung von einem Tarifvertrag bei Bosch berichtet. Er beinhaltet, dass man seine Arbeitszeit früher beenden und dann am Abend zu Hause weiterarbeiten darf. Damit, so Andrea Nahles stolz, könne man Familie und Beruf besser in Einklang bringen. Vor über hundert Jahren hat Kräpelin als erster die physiologische Rhythmik bei Menschen beschrieben und gezeigt, dass unsere Leistungsfähigkeit am Tag am höchsten ist – flapsig gesprochen: Menschen sind (ausser in Berlin) nun einmal nicht nachtaktiv. Jetzt arbeiten wir also freiwillig zu Zeiten, wo unsere Leistungsfähigkeit niedriger ist. Selbst Andrea Nahles wurde es unheimlich, sie forderte, man müsse aber die Ruhezeiten von 11 Stunden einhalten. Wie das gehen soll, war auch der Ministerin unklar. Ich versuche, mal zu rechnen: Ich arbeite von 0900 Uhr bis 1430 Uhr (so etwas wie Kernarbeitszeit). Das sind 5,5 Stunden, also muss ich noch 2,5 Stunden (als Beamter noch 3 Stunden) arbeiten. Nachdem die Kinder gegen 21:00 Uhr „im Bett sind“, arbeite ich dann noch bis 23:30 Uhr. Wie ich dann bis 0900 Uhr auf 11 Stunden Ruhezeit kommen soll, ist nicht nur der Ministerin ein Rätsel. Kurz wir treiben ebenso Raubbau mit unserer Gesundheit wie mein Vater vor 40 Jahren, nur diesmal sind wir keine „echten Männer“, sondern „erwachsene Menschen, die wissen was für uns gut ist“.

Der Arbeitsschutz wird mit Füssen getreten. Das ist eigentlich nichts Neues; denn Arbeitsschutz wurde aus Interessengründen häufig ins Lächerliche gezogen. Doch diesmal sind die arbeitenden Menschen es selbst, die auf den Schutz ihrer Gesundheit verzichten. Sie bemerken ja nicht unmittelbar, wie sehr sie sich psychisch unter Druck setzen. Und wenn sie Ende 40 unter psychischen Beanspruchungen zusammenbrechen, sind sie ganz überrascht. So leid es mir tut, Arbeitsschutz bedeutet manchmal halt auch, dass man arbeitende Menschen vor sich selbst schützen muss. Seien es „echte Männer“ vor 40 Jahren oder „erwachsene Menschen“ von heute.

G. Ernst
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