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Zur Kritik der »4. industriellen Revolution«

(1) Im Gegensatz zu den Trompetenstößen der Revolutions-Propagandisten hat es in den letzten 20 Jahren in der KI-Forschung keinerlei konzeptionellen Fortschritt gegeben, die gelegentlich verblüffenden Computerleistungen (Schach- bzw. Go-Weltmeister, selbstfahrendes Auto, Muster- und Spracher¬kennung etc.) beruhen ausschließlich auf der exponentiell gesteigerten Rechen- und Speicherleistung der Hardware. Das ist auch kein Wunder, denn Computer tun nichts anderes, als per Algorithmus berechenbare Funktionen auszuführen; daran ändert auch das sog. »maschinelle Lernen« (z.B. von MAS) nichts, denn dabei handelt es sich nicht um ein uns Menschen mögliches Lernen durch Reflexion, sondern um die von Umweltsignalen abhängige, algorithmisch gesteuerte Anpassung von Berechnungsparametern, die irreführend und vermenschlichend als »Lernen« bezeichnet wird. Intelligent und lernfähig sind nicht die Systeme, sondern ihre Programmierer, die die Algorithmen entwerfen.

(2) Auch der heute ubiquitär gewordene Begriff der »Digitalisierung« vernebelt mehr als er erhellt. Sein heutiger (von seinem technischen Ursprung der Umwandlung analoger in digitale Signale abweichender) Sinn und Gebrauch suggeriert ebenfalls, dass es um etwas revolutionär Neues geht - weit gefehlt: Seit Erfindung der Schrift sind wir es gewohnt mit dauerhaften Zeichen(trägern) umzugehen, mit dem Buchstaben-Druck gelingt es, die Zeichen(träger) massenhaft zu verbreiten, mit Computern, sie algorithmisch zu manipulieren, und mit dem Internet haben wir nun ein »instrumentelles Medium«, das in einem technischen Artefakt vereint erlaubt, sie sowohl instrumentell zu manipulieren als auch weltweit zu verbreiten und dauerhaft zu speichern - das war's und das gibt's nun alles schon seit 40 Jahren. Neu ist heute eben nur die enorm gesteigerte Rechnerleistung, die in der Welt komplexer Zeichenprozesse vieles bislang Unmögliche möglich macht. Der Preis, den wir dafür zu zahlen haben, ist freilich, die immer komplexeren Zeichenprozesse in unserer Praxis des Stoffwechsels und sozialen Interaktion zuvor zu standardisieren und zu formalisieren, sie in das Prokrustesbett der Berechenbarkeit zu zwängen. Zugleich wird eben damit ein wirkmächtiges Herrschaftsinstrument geschaffen, das sich trefflich ge- und missbrauchen lässt. Logisch und sachlich zwingende Voraussetzung für all das ist allerdings die fortschreitende Genese expliziten, in Zeichen gefassten Wissens über die physische und soziale Welt, die Verwissenschaftlichung von (Re-)Produktion, gewissermaßen die Verdoppelung von Welt in Zeichen, in Gestalt ihrer zeichenförmigen Beschreibungen und Erklärungen. - Dementsprechend wäre es mithin angemessener, in diesem Kontext von Computerisierung (statt von Digitalisierung) zu sprechen.

(3) Das Stufenmodell der 4 »industriellen Revolutionen« suggeriert große qualitative Sprünge, wo es sich in Wahrheit um fortlaufende inkrementell-evolutionäre Entwicklung handelt (die natürlich nie endet). Dabei leugnen die Propagandisten die wesentliche Tatsache, dass die Gestaltung der Computersysteme selbst schon - wie übrigens auch ihre Aneignung für praktisch wirksamen Gebrauch - Ergebnis sozialer Interessen und Bedürfnisse ist (vgl. Bild 1).

Technikentwicklung

Eben dieses, die wissensbasierte Gestaltung und die Aneignung für praktisch wirksamen Gebrauch, erfordern mit der Komplexität des Wissens und der Artefakte wachsendes Können oder Arbeitsvermögen, das sich im Prozess der Aneignung der Artefakte (und des Wissens) selbst noch erweitert. Diese von mir stets betonten Zusammenhänge, insbesondere die These von der im Zuge von Verwissenschaftlichung ständig wachsenden Bedeutung des Arbeitsvermögens, werden nun durch die von Michael Vester vorgetragenen Mikrozensus-Daten nochmals eindringlich belegt (vgl.Bild 2).

Qualifikation und Einkommen 1991 2009

(4) Im Unterschied zu stoffumwandelnden Artefakten (z.B. Werkzeugma¬schinen), deren Wirkbereich die Natur ist, die folglich Natureffekte und -kräfte zu nutzen erlauben und eben dadurch die Arbeitsproduktivität zu steigern vermögen, beruht der Einsatz von Computern allein auf der Standardisierung, Formalisierung und Modellierung von Zeichenprozessen, ihr Wirkbereich ist die Welt der Zeichen, insbesondere der sozialen Interaktion und Koordination kollektiven Handelns (im Falle eingebetteter Systeme auch die zweckmäßige Steuerung von Naturprozessen aufgrund von deren wissensbasierter Beschreibung durch Zeichen). Eine Steigerung der Arbeitsproduktivität im Bereich sozialer Interaktion und Koordination ist daher nur möglich, wenn durch den Einsatz von Computersystemen die zugrunde liegenden Zeichenprozesse restrukturiert und effektiver organisiert werden können -»Software ist Orgware« (vgl. Bild 3, oben rechts).

Arbeitsproduktivität

(5) Das widerlegt eindeutig schon aus theoretischer Einsicht die unhaltbaren Thesen des ISF (Boes et al.) vom Gebrauch des Internets als »Produktivkraftsprung« und der Entstehung einer »neuen Handlungsebene«. Sie werden zudem auch empirisch eindrücklich falsifiziert durch das »Produktivitätsparadoxon der IT«, den säkularen Niedergang der Arbeitsproduktivität in allen entwickelten Gesellschaften, trotz Jahrzehnte währender massiver Computerisierung, die inzwischen nahezu alle Arbeits- und Interaktionsprozesse durchdringt, eben gerade auch zeichenbasierte Dientsleistungen (vgl. Bild 3). Mithin sind auch alle daraus abgeleiteten Erkenntnisse als reine Mythologie hinfällig.

Als Fazit für politisches Handeln sind daraus u.a. folgende Schlüsse zu ziehen: Weit wirkmächtiger als die Erschließung weiterer Felder der Computerisierung - die es selbstredend im einzelnen mitzugestalten gilt - sind Fragen der Arbeitsorganisation und der institutionellen Bedingungen von Arbeit und Wertschöpfung. Gute Arbeit und soziale Sicherung bilden nach wie vor, gerade in Zeiten großer Veränderungsdynamik und Unsicherheit, das Hauptfeld der Auseinandersetzung, wobei die Entfaltung von Arbeitsvermögen als Kernbestandteil guter Arbeit und eigentlicher Quelle von Leistungsfähigkeit ein zentrales Ziel sein muss. Zugleich entstehen mit der lückenlos datengestützten Prozessüberwachung aber auch nie dagewesene Möglichkeiten minutiöser und totaler - freilich grundgesetzwidriger - persönlicher Leistungsvergleiche und Verhaltenskontrolle, die es zu verhindern gilt. Die derzeit verbreitete Panikmache mit apokalyptischen Szenarien der Verdrängung lebendiger Arbeit durch Computer ist in diesem Kontext nur ein willkommenes (freilich realitätsfernes) Ablenkungsmanöver