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Gehört Arbeit in die Armuts- und Reichtumsberichterstattung?

Der 5. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung (http://www.armuts-und-reichtumsbericht.de/DE/Startseite/start.html) ist vor einiger Zeit erschienen und hat die üblichen Fragen ausgelöst, angefangen von der Zensur bis hin zur sich öffnenden Schere zwischen Arm und Reich. Das soll alles nicht das Thema sein, sondern die Frage, ob humane Arbeit nicht auch in den Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung gehört – wohlgemerkt nicht in den Bericht einer Bundesanstalt oder des Arbeitsministeriums, sondern in einen Bericht der Bundesregierung.

Viele werden jetzt sagen, worin besteht denn der Unterschied? Bei einem Bericht der Bundesregierung wird ja doch nur geglättet und getäuscht. Das ist aber nur das (relativ transparente) Ergebnis des Diskussionsprozesses innerhalb der Regierung. Denn Regierungsberichte sollen eine Gesamtschau der sozialen Wirklichkeit geben, die es ermöglicht, verschiedene Politikbereiche zu verzahnen. Es sollen Politikinstrumente aufgezeigt werden, mit denen Armut vermieden und beseitigt werden kann, die Eigenverantwortlichkeit gestärkt und die Polarisierung in der Gesellschaft vermindert werden kann. Darüber hinaus soll der Bericht zur Versachlichung der Diskussion beitragen.

Natürlich konzentriert sich der Bericht zunächst auf Einkommen und Vermögen, die manchmal auch mit Arbeit zu tun haben. Aber das Thema „Arbeit“ taucht nur in der engen Form von „Erwerbstätigkeit“ auf. Auch „Bildung“ hat im Bericht keine Beziehung zu „Arbeit“. Lernen im Prozess der Arbeit ist kein Thema. Die Teilung Erwerbstätige vs. Erwerbslose ist sicher sinnvoll, aber wir müssen auch sehen, dass es bei den Erwerbstätigen deutliche gesundheitliche Ungleichheiten gibt. Sie gehen auf unterschiedliche Formen der Arbeitsbelastung zurück, besonders wenn es zu einer Kumulation von Belastungen kommt. Das kann ein Risiko für ein vorzeitiges Ausscheiden aus dem Erwerbsleben und somit auch ein Armutsrisiko darstellen. Nicht selten ist die Kumulation ungünstiger Arbeitsbedingungen zudem mit einer im Durchschnitt geringeren Bezahlung und ungünstigeren sozialen Absicherung gekoppelt, was die Situation für die Betroffenen erschwert. Es ist vielleicht sogar von großer Relevanz für die Politik, dass derzeit 40% der jährlichen Neuzugänge in die Erwerbsminderungsrente auf psychische Belastungen zurückzuführen sind. Schlechte Arbeit kann zum Gesundheitsrisiko und damit auch zum Armutsrisiko werden.

Es wäre ganz sinnvoll, wenn wir wüssten, wie der Umfang dieses Risikos ist. Aber es können nicht nur die klassischen Belastungen zum Risiko werden, sondern auch die Unplanbarkeit der eigenen Zukunft und der scheinbar unabwendbare Wandel der Arbeitswelt. Es ist nämlich nicht nur die Unsicherheit, ob ich überhaupt noch eine Beschäftigung habe, sondern auch die Unklarheit über zukünftige Statusveränderungen im Wandel meiner Arbeit. Insgesamt erscheint es ganz sinnvoll, den Armuts- und Reichtumsbericht um das Thema „Arbeit“ zu erweitern. Dazu gehört die Einbeziehung von Daten zu Arbeit und Gesundheit (insbesondere psychische Belastung und Beanspruchung, aber auch die Darstellung kumulierender Risiken für spezifische Branchen, Berufe und Regionen). Dazu gehört auch die Ausweitung der Betrachtung des Wandels der Arbeit und seine Auswirkungen auf die Beschäftigten.

P.S.: Die Kolumne basiert auf Vorträgen eines internen Workshops, deshalb habe ich die Quellen nicht angeführt. Weitere Informationen können aber angefordert werden.

G. Ernst
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