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Arbeit der Zukunft – Quo Vadis?

Ende 2016 soll das Weissbuch „Arbeit 4.0“ publiziert werden und Anfang 2017 will die Kommission „Zukunft der Arbeit“ ihre Ergebnisse veröffentlichen. Also Zeit, ein kleines Resumee zu halten.

Es gibt Stimmen, die sprechen von einer desolaten Situation, was die eingeschränkte Dimension von öffentlich geförderten Humanisierungsaktivitäten als auch eine sich von humaner Arbeit und gutem Leben weiter entfernende Realität angeht. Es gibt – auch ich gehöre dazu – Stimmen, die heftig Kritik an der realen Arbeitspolitik üben. Dabei geht oft verloren, von welchem Punkt wir gestartet sind.

Zurück nach 2013. Dort sollte ein Forschungsprogramm zu „Produktion, Dienstleistung und Arbeit“ verabschiedet werden, das keinen ausformulierten Arbeitsteil besass. Also ohne Arbeitsforschung, geschweige Humanisierung auskommen sollte. Es ist den Anstrengungen vieler Menschen aus Wissenschaft, Gewerkschaften und Politik zu verdanken – und ich will hier nur Jörg Hentrich und Claudius Riegler mit den ESCHBORNER THESEN nennen, dass die Humanisierung und die Förderung der Produktions-, Dienstleistungs- und Arbeitsforschung im Koalitionsvertrag verankert wurden. 2016 hat der Bundestag – praktisch mit Unterstützung aller Fraktionen – dann einen Antrag zu „Innovative Arbeitsforschung für eine Humanisierung unserer Arbeitswelt und mehr Beschäftigung“ beschlossen.

Es hat unsäglich lange gedauert bis das BMBF diesen Auftrag in Programm, Bekanntmachungen und Projekte umsetzte. Aber seit Beginn 2016 ist hier ein Wandel zu beobachten. Das Arbeitsforschungsprogramm ist verabschiedet. In 2016 sind zwei neue Bekanntmachungen erschienen, eine dritte wird erwartet und auch die Anzahl der Vorhaben steigt. Es ist auch zugesagt, dass der Wechsel der Projektträger keine Verzögerungen mit sich bringen wird.

Relativ rasch hat das BMAS „Arbeit 4.0“ auf den Weg gebracht. Das Grünbuch hat einen – zum Teil auch kontroversen – lebendigen Diskursprozess ermöglicht.

In NRW haben das Forschungs- und Arbeitsministerium mit dem Themenbereich „Digitalisierung von Arbeit – Industrie 4.0“ am Forschungsinstitut für gesellschaftliche Weiterentwicklung einen weiteren Schritt auf Länderebene getan.

Die Hans-Böckler-Stiftung hat zusammen mit den Gewerkschaften Kommission „Arbeit der Zukunft“ ins Leben gerufen. Hier sollen Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Vorständen und Betriebsräten großer Unternehmen, aus der Digital- und Kreativwirtschaft, aus Gewerkschaften und Ministerien unter der Leitung des DGB-Vorsitzenden Reiner Hoffmann und der Soziologin Prof. Dr. Kerstin Jürgens bis Mai 2017 einen Empfehlungskatalog zur Arbeit der Zukunft erarbeiten.

„Henne – Ei – Probleme“ sind mir bekannt. Deshalb weiß ich nicht, wie die real vorhandenen Arbeitsbedingungen mit diesen arbeits- und forschungspolitischen Anstrengungen interagieren. Aber es scheint mir so, dass die Chancen der Digitalisierung auf der Ebene der arbeitenden Menschen (noch) nicht ankommen und hier auch viel Unmut vorhanden ist.

Gibt es also einen Fortschritt? Gemessen an 2013 auf jeden Fall. Wir können über neue Programme und Ansätze diskutieren. Während vor 2013 überhaupt keine programmatische Grundlage vorhanden war, können jetzt Forschung und Arbeit vor programmatischen Hintergründen kritisch hinterfragt und weiterentwickelt werden. Mit den laufenden Anstrengungen in der Forschungsförderung ist auch damit zu rechnen, dass wieder Menschen auf allen Qualifikationsstufen ausgebildet werden, denen die Zielsetzungen und methodischen Ansätze einer humanen Gestaltung der Arbeit nicht mehr fremd sind. Es bleibt die Lücke zwischen Forschung und Realität. Ich weiss, dass gesellschaftliche Verhältnisse – angefangen vom Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit bis hin zum Neoliberalismus in unseren eigenen Köpfen – massive Friktionen verursachen werden. Deshalb sind auch neue Anstrengungen notwendig, die über die früheren Ansätze der Umsetzung von Humanisierungsergebnissen hinausgehen. Wir werden ähnliche Wege wie in der Dienstleistungswirtschaft gehen müssen, um ein neues Bewusstsein zu wecken.

Doch wohin sollen wir gehen? Pöhler und Peter (Pöhler und Peter: Erfahrungen mit dem Humanisierungsprogramm, Bund Verlag, 1982) haben vor 36 Jahren zwei Wege aufgezeigt: den des technologiepolitischen Forschungsprogramms mit ganz bestimmten besonderen Merkmalen und den eines „sozialdemokratischen Reformprojekts“. Pöhler und Peter kritisierten 1982, dass die strategischen Ausgangsbedingungen so heterogen waren, „dass ein in sich geschlossenes Konzept der Humanisierung nicht erwartet werden konnte. Es verwundert deshalb nicht, dass das Aktionsprogramm weniger eine ausgefeilte Strategie der Humanisierungspolitik zum Ausdruck bringt, als vielmehr eine Addition unterschiedlicher und zum Teil divergierender Teilziele“. Die Kritik trifft auch für das heutige Programm zu. Doch wer sollte denn 2013 ein in sich geschlossenes Konzept der Humanisierung formulieren? Die Initiatoren der ESCHBORNER THESEN waren ja froh, dass sich überhaupt noch genügend Interessierte fanden.

Ich habe mit Absicht den Originalbegriff „sozialdemokratisches Reformprojekt“ für die Bezeichnung des 2. Weges beibehalten. Seit der Agenda 2010, also seit über 15 Jahren hat der Begriff „Reform“ seinen Heiligenschein verloren, ähnlich wie „Innovation“, „Flexibilisierung“ und „Digitalisierung“. Die arbeitenden Menschen sind häufig der Ansicht, dass diese Konzepte nur zu ihren Lasten gehen. Also bleibt die Frage, was setzen wir an Stelle der „Reform“? Die dazugehörende Eigenschaft „sozialdemokratisch“ zeigt, dass es nicht allein um „Humanisierung des Arbeitslebens“ oder gar nur um „Arbeitsforschung“ geht, sondern um eine politische Zielsetzung, die wie Günter Neubauer (http://hda-online.net/arbeitswelt-gestalten/technologie-und-arbeitsleben/99-digitalisierung-von-arbeit-und-leben.html) es gefordert hat, die „Humanisierung von Arbeit UND Leben“ umfasst. Doch welche politische Gruppierung ist heute in der Lage, ein solches „Gesamtprogramm“ zu formulieren? Und es wird eine politische Kraft sein müssen; denn es wir mehr sein müssen als ein neuer sozialer Kompromiss.

Bleibt also nur, den Weg von vor knapp 40 Jahren zu wiederholen: Ausgehend von einem technologiepolitischen Programmansatz, Ziele des Programms zu gewichten, Programmpartner zu gewinnen und dann den Weg zur „Humanisierung von Arbeit und Leben“ zu gehen. Rollen wir den Stein der Humanisierung wieder den Berg hinauf? Lassen wir den Stein liegen, wo er hingehört, lassen wir ihn gar auf die Gegner der Humanisierung ins Tal rollen, oder tragen wir den Hang ab, um der Mühe enthoben zu sein?

G. Ernst
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